Gedanken zum Geheimnis der Ehe Comments Off

Worin liegt das Geheimnis einer harmonischen und beständigen, das heißt einer glücklichen Ehe? Das folgende Beispiel gibt uns für eine Antwort auf diese Frage interessante Anhaltspunkte.

Tomas und Simone lernten einander in den achtziger Jahren beim Studium kennen. Er war Sohn einer Witwe und konnte nur mit Hilfe eines Begabtenstipendiums studieren. Sie war Tochter eines Fabrikbesitzers für Haustüren, ein durchschnittlich begabtes Mädchen, die sich unter den Studiengenossen allgemeiner Beliebtheit erfreute. Dass sie sich in Tomas verliebte, lag zum Teil daran, dass er so ganz anders war als alle jungen Männer ihres Bekanntenkreises. Der Widerstand ihrer Eltern festigte ihre Bindung nur, und sie heirateten, sobald sie die Abschlussprüfung hinter sich hatten.

Schon während der ersten Woche entdeckten sie, dass sie erschreckend verschiedene Neigungen und Gewohnheiten hatten. Tomas liebte derbes, bürgerliches Essen, während Simones feinere Kost bevorzugte. Er wachte morgens frisch und energiegeladen auf und ging abends gern zeitig schlafen, sie wurde erst gegen Abend richtig munter. Er wollte ein stilles, friedliches Leben und dann und wann gute Musik — sie wollte ausgehen, tanzen und Menschen um sich haben. Derlei Gegensätze zeigen sich in den meisten jungen Ehen und haben oft tragische Folgen; ein Soziologe hat das „die Tyrannei des Alltagslebens” genannt.

Darüber hinaus aber entpuppte sich Tomas, der im geselligen Leben eher scheu und zurückhaltend wirkte, in der eigenen Häuslichkeit als Mann von bestimmten, manchmal diktatorischen Ansichten. Simones Gleichgültigkeit in Haushaltsdingen empörte ihn, und sie beantwortete das damit, dass sie sich eine Stellung als Modezeichnerin suchte und für den Haushalt ein Mädchen engagierte. Ihre beruflichen Leistungen waren so gut, dass sie bald mehr verdiente als Tomas, der sich natürlich in seinem Stolz tief getroffen fühlte.

Auch im gefühlvollen Miteinander gelangten sie in den ersten Jahren zu keiner Harmonie. Simone war von ihrem Mann enttäuscht, und er warf ihr Gefühlskälte vor. Trotzdem erwartete sie nach einiger Zeit ein Kind und musste ihre Arbeit aufgeben, um wieder die Hausfrau zu spielen. Während sie sich noch mit dieser verhassten Rolle und der ganzen Umstellung ihres Lebens abzufinden suchte; begann Tomas ein Verhältnis mit einer Sekretärin in seinem Büro. Er war gerade mit seiner Freundin ausgegangen, als das Kind ein paar Tage zu früh geboren wurde. Simone lag im Krankenhaus und überlegte sich ernstlich, ob sie sich nicht von ihm trennen sollte; sie vertraute sich ihrem Pastor an, und der redete Tomas ins Gewissen.

Als dem jungen Mann klar wurde, dass er dicht vor einer ehelichen Katastrophe stand, brach er tief beschämt seine Beziehungen zu der Sekretärin ab. Simone erklärte, sie fühle sich zwar zur Hausfrau und Mutter höchst ungeeignet, wolle sich aber bemühen, ihr Bestes zu tun. Zum ersten einmal hatten die jungen Leute eine Aussprache über die grundlegenden Unterschiede ihrer Herkunft und Erziehung und was es wohl Undefinierbares gewesen sei, das sie zueinander gezogen hatte. Wie Tomas’ sagt, hatten sie von da an ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sich nicht wieder verlor.

Beide gaben sich nun größte Mühe, und eine Zeitlang waren sie überglücklich. Tomas hatte berufliche Erfolge, und sie bekamen noch zwei Kinder. Freilich hatten sie noch jahrelang mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Oft war das Geld Anlass zu Streitigkeiten Simone wollte ein Hausmädchen und ein gastfreies Haus, Tomas hielt es für wichtiger, die Hypothek abzuzahlen. Dazu kam, dass der Beruf ihn immer stärker beanspruchte und Simone ihm zuweilen vorwarf, er kümmere sich um sie und die Kinder überhaupt nicht mehr.

Nun hat auch das jüngste ihrer Kinder die Universität bezogen, und das Ehepaar ist wieder allein. Simone arbeitet wieder für eine Konfektionsfirma und hat das Gefühl, endlich ihrer Bestimmung leben zu können. Beide sind jetzt Mitte vierzig, haben jeder ein stattliches Einkommen und sehen noch vielen Jahren reicher Tätigkeit und guter Kameradschaft entgegen.

Dieses Musterbeispiel für die üblichen Klippen, Leiden und Freuden des Ehelebens veranschaulicht einige für den Bestand einer Ehe wichtige Faktoren. Der Anfang von Simones und Tomass Gemeinschaft stand unter keinem guten Stern. Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten sind einander im Grunde fremd. Sie haben andere Eß- und Lebensgewohnheiten, sind in Geldsachen verschiedener Meinung und haben oft weit auseinandergehende Auffassungen von der Liebe und der Stellung von Mann und Frau in der Ehe. Unter den unglücklichen Ehen, die vor den Eheberater oder Scheidungsanwalt kommen, sind viele auf Heiraten von Partnern zurückzuführen, die sich über Gesellschafts- oder Konfessionsgrenzen hinweggesetzt haben.

Übrigens hätte Simone, wenn sie in ihrem ersten Ehejahr einen Eheberater aufgesucht hätte, mit Recht die übliche Beschwerde junger Frauen erheben können: „Mein Mann ist jetzt ein ganz anderer als der, den ich geheiratet habe.” In der Brautzeit war Tomas höflich und rücksichtsvoll gewesen, nach der Heirat aber zeigte er sich rechthaberisch und tadel- süchtig. Ähnliche Charakteränderungen sind, gewöhnlich bei beiden Partnern, in den meisten Ehen zu beobachten.

Und noch eine allgemeine Klage hätte Simone vorbringen können: „Es gibt keine Verständigungsmöglichkeit zwischen uns.” Den meisten jungen Paaren fällt es schwer, sich ruhig und offen über Dinge zu unterhalten, die ihnen am Herzen liegen — über ihre Ziele, Hoffnungen und Befürchtungen; über ihre verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Bindungen, über ihre Einstellung zu Geld, Kindern und Liebeslebens.

Die Moral der Geschichte von Tomas und Simone: Die Ehe ist heute fast stets ein langer und immer neuer Werdeprozess. Noch vor wenigen Generationen war es üblich, dass man heiratete, Kinder bekam, sie aufzog und verhältnismäßig früh — bald nachdem das jüngste Kind flügge geworden war — das Zeitliche segnete. Heute heiratet man früher und hat weniger Kinder, und die Lebenszeit hat sich verlängert, so dass ein Ehepaar, wenn die Kinder aus dem Hause sind, noch viele Jahre gemeinsamen Lebens vor sich hat.

Im Laufe einer normalen Ehe ergeben sich ständig neue Probleme, und die Eheberater unterscheiden mehrere kritische Perioden. Die erste tritt auf bei der Geburt des ersten Kindes, eine andere, wenn die Familie so groß wird, dass sie für den Vater ein ernstes finanzielles Problem und für die Mutter eine übermäßige Arbeitslast bedeutet, und die letzte, wenn die Kinder erwachsen und Mann und Frau wieder aufeinander angewiesen sind.

Entscheidend ist die Erkenntnis, dass in jeder Ehe die guten und bösen Tage wechseln wie Ebbe und Flut. Den Anlass dazu können äußere Ereignisse geben — ein plötzlicher finanzieller Erfolg, der eine Ehe neu beleben, aber öfter auch zerstören kann, schwere Krankheit, der Tod eines Kindes, Arbeitslosigkeit und ähnliche Schicksalsschläge, die sich in manchen Fällen verbindend, in anderen wieder trennend auswirken.

Selbst die beste Ehe kennt Zeiten der Verzweiflung. Warum überstehen viele Ehen solche Stürme, und warum enden andere in Scheidung?

Nach Ansicht der Soziologen suchen die Menschen in der Ehe zweierlei. Einerseits wollen sie sich die Annehmlichkeiten des Familienlebens, die sie aus dem Elternhaus kennen, bewahren, andererseits möchten sie sich für- gewisse Entbehrungen, die sie erlitten zu haben glauben, schadlos halten. Ein Mädchen, deren Vater erfolgreich, aber beruflich so stark beansprucht war, dass er sie nicht mit der notwendigen Liebe umgeben hat, wünscht sich einen Gatten, der eben-, So tüchtig: Und angesehen ist wie ihr Vater, ihr außerdem aber die in der Kindheit vermisste Liebe, und Fürsorge entgegenbringt. Ein junger Mann, dessen Mutter jeder seiner Launen nachgegeben, ihn aber in seinem Streben nicht genügend unterstützt hat, wird nach einer ebenso nachsichtigen Frau suchen, die aber auch die wunderbare Fähigkeit besitzt, ihn zu erfolgreichem Vorwärtskommen anzutreiben. Das Grundproblem der Ehe liegt darin, dass man nicht zwei unvereinbare Dinge zugleich haben kann.

Die besten Chancen für eine harmonische und beständige Ehe haben nach Ansicht der Soziologen diejenigen, die einsehen, dass die Ehe, wie alles andere im Leben, ihre Schwierigkeiten hat und ihren Preis fordert. Mit der Heirat gibt man um einer lebenslangen, festen Bindung willen einen beträchtlichen Teil seiner persönlichen Freiheit auf. Kinder kosten Geld und bringen, vor allem für die Mutter, schwere Arbeit und manchen persönlichen Verzicht mit sich. Ein Mann, der dem beruflichen Ehrgeiz zuviel Zeit widmet, setzt unter Umständen ein liebevolles Familienleben aufs Spiel. Wenn er sich dafür entscheidet, ganz für seine Familie da zu sein, muss er vielleicht seine Karriere opfern. Und so geht es weiter, Punkt für Punkt, Jahr um Jahr. Verheiratet- sein ist immer wieder mit schmerzlichen Entscheidungen verbunden.

Krisen und Konflikte gehören nun einmal zum Leben und lassen sich nicht umgehen. Wir erleben sowohl Enttäuschungen als auch Triumphe. Aber viele Menschen erwarten, dass die Ehe anders, größer und besser sei als das Leben. Wenn dann der erste Liebesrausch verflogen ist, stellen sie traurig und gekränkt fest, dass sie noch immer nur Menschen sind; und dem Partner, den sie “fürs Leben erwählt haben, geht es nicht anders.

Das Geheimnis einer erfolgreichen Ehe liegt in der Fähigkeit, diese Enttäuschung zu überwinden und sich und den Gatten so zu nehmen, wie er ist, nämlich als ein Wesen mit Tugenden und Mängeln. In der Ehe darf es keine Heuchelei und keine Beschuldigungen geben; sie soll ein sicherer Hafen sein, in dem Mann und Frau sich freimütig und ohne Zwang bewegen können.

Wenn zwei Menschen eine gute Ehe aufbauen wollen, müssen sie bereit sein, in einer neuen Einheit aufzugehen, die etwas Größeres ist als sie beide zusammen. Sie müssen diese Gemeinschaft als den festen Rahmen ihres Lebens akzeptieren. Diese Einsicht ist das Entscheidende — nicht die behutsame Anpassung in Geldsachen, Interessen und Familienbeziehungen. Ein Mann und eine Frau, die ihrer Liebe und Ehe sicher sind, können sich über alle Probleme offen streiten und werden immer zu irgendeiner Lösung kommen.

Mit anderen Worten: Glück und Harmonie in der Ehe hängen von jenem wunderwirkenden Etwas ab, das man Liebe nennt. Dieses vieldeutige Wort muss jedoch mit Vorsicht definiert werden.

Liebe ist nicht die plötzlich aufflammende Leidenschaft, an der das Herz des Jünglings krankt. Sie kann damit beginnen, aber bei näherer Untersuchung manifestiert sie sich eher in dem zärtlich-vertraulichen, ein wenig nachsichtigen Lächeln, mit dem ein allmählich kahl werdender Mann beim Frühstück seine Frau ansieht, die — verschlafen und mit Lockenwickeln — zum dreihundertsten Male im Lauf ihrer Ehe die weichen Eier ein bisschen zu hart gekocht hat. Auch der Traum eines Aschenbrödels von dem Märchenprinzen, der sie eines Tages in ein Leben voller Reichtum und Luxus entführen wird, hat nichts mit Liebe zu tun, wohl aber die selbstlose Fürsorge und nur umso innigere Zuneigung einer Frau zu ihrem Mann in einer Zeit der Arbeitslosigkeit und häuslichen Not.

Nicht zärtliches Gesäusel und schöne Worte machen jene Liebe aus, die einer Ehe Bestand verleiht. Wenn Menschen durch ein starkes Gefühl verbunden sind, müssen sie sich dann und wann zanken. Liebe ist kein unaufhörlicher Reigen von Blumen, Bonbonnieren und Geburtstagsgeschenken, sondern vielmehr eine lange Kette von Opfern, in der der Traum vom Segelboot aufgegeben wird für die Anzahlung auf eine Waschmaschine, der wöchentliche Kinobesuch für neue Kinderschuhe. Liebe ist kein Garantieschein für lebenslange Glückseligkeit, denn in jeder Ehe gibt es Streit und Langeweile, Krankheit, Geldsorgen und Erziehungsprobleme. Vielleicht ist wahre Liebe am sichersten daran zu erkennen, dass sie unter Verhältnissen gedeiht, die jede andere Gemeinschaft sprengen würden.

Das Hochzeitskleid hängt wohl- verwahrt im Schrank. In dem Liebesnest am Stadtrand ist das Dach undicht geworden, im Garten wuchert das Unkraut, und die Hypothekenzinsen fressen die Hälfte des Gehalts. Die Kinder sind keine engelhaften Lieblinge wie auf den Werbeplakaten, sondern kleine Tyrannen, die unerbittlich ihr Fläschchen haben, Bäuerchen machen und trockengelegt werden wollen von den späteren Erziehungssorgen ganz zu. schweigen. Der Ehemann hat keineswegs ein Millioneneinkommen. Seine Frau wird etwas füllig. Es gibt Augenblicke, in denen er am liebsten nach Australien ausrücken würde oder sie sich wünscht, sie wäre ins Kloster gegangen. Und doch … und doch …

Man kennt sie ja, diese alten Ehepaare .den alten Mann, der mit einer Lupe die Zeitung -studiert, und die alte Frau mit Sandalen an den schmerzenden Füßen. Sie. sitzen friedlich im Vorgarten, bald werden sie zum Abendessen hineingehen, und nach einem Stündchen Fernsehen werden sie sich zu Bett begeben. Jeder weiß genau, was der andere denkt, und jeder wird nachts ruhig schlafen, weil er den anderen an seiner Seite weiß.

Das sind die wahren Liebespaare. Sie haben nie aufgehört, einander zu lieben, obwohl sie es vielleicht zuzeiten bestritten hätten. Und weil sie in ihrer Liebe nie wankend geworden sind, haben sie alle Wechselfälle des Lebens überstanden, auch ihr eigenes Versagen. Das ist das Band, das Tomass und Simones Ehe trotz aller Gegensätze zusammengehalten hat, das ist das, was man eine glückliche Ehe nennt.

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